Argh!
Am 26. April hat mich eine Grippe erwischt: So ein ganz trockenes Luder, keine erhöhte Temperatur, nur der Kopf schwillt leicht an, die Auszehrung befällt einen, und alle drei Meter fragt man sich, was ist denn jetzt los, schon wieder am Ende?
Am 28. April, einem Samstag, war ich dann mit fürchterlichen Ohrenschmerzen abends im Elisenhof. Von den fünf Medikamenten, die mir der HNO-Arzt verschrieb, waren drei Schmerzmittel. Die türkische Apothekerin in der Goethestraße hat das Rezept gesehen, dann hat sie mich ganz mitleidig gefragt, was ich denn habe. Das war sehr nett, sehr mitfühlend. Tubenkatharr, habe ich gesagt. Die Tube ist im Kopf, habe ich nicht gesagt.
Draußen waren es immer noch 26 Grad. Und nach einem Schwitzbad im Bett weiterschwitzend träumte ich davon, wie ein lila Schein nach dem anderen, während ich durch den Englischen Garten mit meiner Rikscha radele, aus meiner Hosentasche flattert. Feixend stürzen sich meine sonst so netten Kollegen drauf.
Naja, immerhin hatte ich da schon keine Ohrenschmerzen mehr. Am Maifeiertag gönnte ich mir zwei Schwitzbäder. Jetzt bin ich schon ein paar Tage wieder gesund. Nur im Hirn hinten links pfeifft es noch ein bisschen. Und die Kondition könnte besser sein.
Die Saison hat begonnen. Nach einem sensationellen Fernsehauftritt meinerseits bei “Wir in Bayern” (23. März 2012) konnte ich die erste Million trotz des eher schlechten Wetter schnell erradeln. Jetzt wirds bekanntlich noch leichter. Anvisiert ist eine Milliarde, damit ich nächstes Jahr too big too fail bin.
Aber man hat ja auch andere Freuden. Auf meiner Rikscha merke ich, der Trend geht zur Heirat. Schon drei Bräute zierten mein Gefährt. Eine frisch Verheiratete mit Mann (dünn, gut angezogen, sympathisch: Herzlichen Glückwunsch); eine Noch-Junggesellin mit Koffer (sehr gut situiert, sieben unternehmungslustige Freundinnen im Dirndl warteten auf sie, der dazu gehörige Mann schlief vermutlich gerade auf einer Yacht vor Barcelona seinen Nochjungesellenrausch aus, Prognose: bleibt spannend); und noch eine Noch-Junggesellin mit insgesamt fünf Freundinnen: die hatten natürlich nicht alle auf meiner Rikscha Platz, aber gewusst, was die an diesem Abend noch so erlebt haben, hätte ich schon gerne.
Aber wie sagt man in solchen Zusammnehängen so schön old school: Nicht aufgrund von Kleinigkeiten das große Ganze aus den Augen verlieren!
Fürs Rikschafahren braucht man Kondition, Konzentration und Kommunikation. Kondition, um das Gefährt immer wieder und mit großer Last in Bewegung zu setzen. Konzentration, weil es nicht ohne ist, über die Lindwurmstraße oder Schwanthalerstraße links abzubiegen. Kommunikation, um mit allen Gästen zufriedenstellend auszukommen. Wir Rikschafahrer dürfen nicht nur die Preise für unsere Dienstleistung aushandeln, wir müssen das auch tun. Darüber hinaus müssen Ziele definiert werden, die Gäste müssen während der Fahrt verbal dazu gebracht werden, sitzen zu bleiben, man muss sich bisweilen bei Passanten für die Verbalattacken der Fahrgäste entschuldigen, um weiterzukommen etc.
Nun ist es mir gestern passiert, dass ich aufgrund mangelnder Konzentration - auch weil ich sehr mit der Kommunikation aufgrund unruhiger Gäste beschäftigt war - einem Polizeiwagen Ecke Viktualienmarkt/Tal die Vorfahrt genommen habe. Im run - nie ist Zeit mehr Geld wert für einen Rikschafahrer. “Halten S’ mal an!” Na sauber, dachte ich mir. Die Polizei überholte uns, zwei Beamte stiegen aus. Zu meiner Überraschung sahen sie mich gar nicht an. Die Beamten bauten sich auf und kommunizierten dabei erstmal wenig. Meine Fahrgäste, die ähnlich wie ich, im Verkehrsvergehen den möglichen Auslöser des polizeilichen Ärgers vermuteten, entschuldigten mich, ich entschuldigte meine Gäste. Offenbar, so stellte sich langsam in quälenden Minuten dar, hatten meine Fahrgäste im Moment des Vergehens irgendetwas in Richtung Polizeiauto gebrüllt, was diese aufgrund mangelnden Respekts nichts auf sich sitzen lassen wollten. Ich konnte mich nicht daran erinnern, war im entscheidenen Moment zu konzentriert, um auf die Kommunikation zu achten - und würde jetzt mal im Nachhinein sagen, dass ich die Streife als langsam streifend wahrgenommen hatte und es okay fand vorbeizusausen, so sahen es ja die Beamten offenbar auch.
Schließlich, nach einer kurzen Diskussion meiner beiden Fahrgäste mit den Polizisten, ließen sie uns ziehen, nicht ohne meine Gäste zu ermahnen, sich ordentlich aufzuführen.
Auch dieses Jahr sei an dieser Stelle betont, dass die Polizei zur Wiesnzeit in München einen super Job macht.
Als Schutzengel habe ich einen Aloisius an meiner Rikscha. Als ich letztens wieder einmal die dazugehörige Geschichte von Ludwig Thoma erzählt habe, also die Geschichte vom Münchner im Himmel, fiel es mir auf. Vermutlich lag es an meinen Fahrgästen - eine Mutter mit Kind. Thoma vergleicht im Grunde genommen, das Sein eines Engels mit einer Alkoholikerexistenz im Hofbräuhaus. Und: Der Alkoholiker sticht den Engel. (Das Wort zum letzten Wiesnsonntag.)
Gestern steigen zwei junge Burschen in meine Rikscha, sie wollen ins Hotel Verdi. Nachdem ich den Preis aufgerufen habe, sagt der eine - und deutlich nüchternere von beiden (der andere schläft erstmal ein) - sagt der eine: “Ich gebe dir 50!”, und zieht sofort einen Fünfziger aus der Hemdtasche (dabei segelt ein Fünf-Euro-Schein auf die Straße, sodass ich die Rikscha zurückschiebe, den Fünfer aufhebe und ihm diesen geben will: Er will ihn aber gar nicht.) Nach zwanzig Metern Fahrt sagt der Nüchternere: “Und wennst uns gut hinbringst, kriegst noch einen.” Gesagt, getan, vor dem Hotel (der Besoffnere, den gerade noch eine Horde Italiener beim Aus-der-Rikscha-Kotzen ausgelacht hat, steigt relativ behend aus und trollt sich auf sein Zimmer) bekomme ich den zweiten Fünfziger, allerdings mit der Aufforderung mit dem Nüchterneren noch etwas trinken zu gehen. Okay, wir fahren noch hundert Meter weiter und setzen uns in eine Edeldönerbude. Eine Mass für den Herren und einen doppelten Espresso und ein großes Wasser für mich, der Herr zahlt.
Nennen wir den Nüchterneren Konrad. Konrad wohnt in einem Dorf in Südtirol, ist Maurer, und gibt jedes Mal, wenn er auf der Wiesn ist, “in drei Tagen mindestens 5000 Euro” aus. Das erzählt er mir so nach und nach. Dann erzählt mir Konrad, dass er auch Golf spielt und bei einem Turnier eine Rolex gewonnen hat, die er für 20 000 Euro versteigern konnte. Das Geld hat er der Kinderkrebshilfe gespendet, weil einer aus seinem Dorf, derselbe Jahrgang, mit zwölf an Krebs gestorben ist. Als ich bewundernd meine, dass ich mir so eine Großzügigkeit nicht leisten könnte, erwidert Konrad: ”Eigentlich müsst ich ja nicht mehr arbeiten, aber ich hab Spaß an meinem Beruf.” Er habe geerbt: “Wiesn, Wälder”. Und nach einem großen Schluck aus seinem Masskrug: “Man muss feiern solange man noch jung ist, später hat man dann Familie.” Ob er den schon ein Mädl habe? “Viele haben schon angefragt, aber die wollen alle nur das Geld.” Konrad, sehr entspannte Gesichtszüge, wässrige, wasserblaue Augen, wirkt ein bisschen resigniert. Ich frage ihn, ob er denn der Erstgeborene sei, daheim? “Na, aber der ander kann das Geld ned zsammhalten.”
Nach fast zwei Wochen Wiesnrikschafahren kommt es schon mal zu Fehlleistungen. Zwei Damen, die erst Rikschafahren wollten, wenn sie älter seien, rief ich gestern hinterher: “Noch älter?” Ich wollte den beiden überhaupt nichts Böses. Es kam einfach so über meine Lippen. (Falls Sie - ich halte es zwar für unwahrscheinlich - dies hier lesen sollten: Ich bitte vielmals um Entschuldigung.)
Außerdem habe ich gestern einen jungen Mann in die Kolpingstraße am Stachus gefahren, der ins Kolpinghaus nach Haidhausen wollte. Der ist immerhin umsonst Rikscha gefahren.
Ansonsten wird es immer schwerer, sich bei unbefriedigenden Verhandlungen - 20 Euro zum Maximilianplatz etc. pp., 5 Euro zum Kolumbusplatz, “waas, du bist ja teuerer als ’n Taxi!” - sich freundlich, aber bestimmt und vor allem schnell aus der Affäre zu ziehen.
Je länger man fährt, je kaputter man ist, desto härter wird man im Handeln. Je kürzer die Fahrt, desto weniger anstrengend ist sie. Lieber fünf kurze statt einer langen, wenn es geht.
“Politisch” betrachtet - ja gerade, wenn zum letzen run die Reichen aus Weinzelt oder Käferzelt kommen -, ist es auch eine Frage, ob man den Teil für sich beansprucht, der einem zusteht, oder ob man kollaboriert. Dazwischen liegen oft nur fünf oder zehn Euro.
Viele aber, vielleicht sogar die meisten, werden jeden Monat mehr verdienen, als wir zur ganzen Wiesn.
Hoch lebe das Rikschariat!
Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Diese drei Tag in der zweiten Wiesnwoche sind die bösen Tage. Allen, die auf der Wiesn arbeiten, die tagtäglich aufs Oktoberfest gehen (müssen), wird es jetzt langsam zuviel. Man merkt, wie man gegen seine Bedürfnisse lebt. Ruhe! schreit der Körper, die Seele jeglicher Lärmquelle entgegen. Ab Freitag ist dann schon das Licht am Ende des Tunnels zu erahnen. Und ist der Samstag erst geschafft, ist der Rest nur noch Pipifax.
Jetzt, nachdem schon mindestens zehn Tage in den Knochen stecken, ärgert man sich, wenn man sich unter Wert verkauft hat, besonders. Dann fährt man unkonzentriert, vielleicht zu schnell, wird eventuell sogar patzig. Wie anders ist da eine Fahrt, die der Rikschafahrer zu seiner Zufriedenheit aushandeln konnte. Die Anerkennung, die sich im angemessenen Preis ausdrückt, schlägt sich auch unmittelbar in der Qualität der Fahrt nieder. Da muss es nicht huschhusch gehen, da wird gequatscht und gelacht - ja, schade nur, dass auch diese Fahrt dann im Fluge vergeht.
Kurz: Schlechter Preis, schlechte Fahrt. Guter Preis, gute Fahrt.
Die Bayern sind die weißesten Neger.
Es war meine letzte Fahrt. Ein junger Kalifornier mit zu wenig Euro, aber ausreichend Dollar, wollte vom Esperantoplatz ins Eurostar in der Arnulfstraße - rum um die Wiesn und rüber über die Hackerbrücke. Auf der Hackerbrücke spielt die Polizei vom Einsatzwagen aus Disco, das enschleunigt die Masse auf dem Weg zur S-Bahn. Als wir dort ankamen, tanzten etwa noch 50 Leute zum “Mambo No. 5″. Nach einem wilden Klingen meinerseits, nahmen sie uns wahr, formten eine Gasse, streckten die Hände erst winkend zu Boden, riefen alle zusammen ein langezogenes “Ohhhhhhhh!” und ließen uns dann, sich laolamäßig in die Höhe reckend, passieren. Wow!