Letzte Woche habe ich eine viertägige Radltour gemacht. Ich wollte natürlich auch mal schauen, ob ich auf meinem selbst zusammengeschraubten Trekkingfixie fit genug fürs Oberland bin. Nach immer wieder Englischer Garten und Kleinhesseloher See, stand mir der Sinn nach den bayrischen Seen. Den Starnberger See, den Ammersee, den Pilsensee, den Wörthsee, den Forggensee, den Alpsee, den Plansee, den künstlichen See in der Venusgrotte von Schloß Linderhof, den Staffelsee, den Riegsee, den Kochelsee, den Walchensee, den Sylvensteinspeichersee, den Tegernsee, den Schliersee, den Spitzingsee, den Simssee und den Chiemsee habe ich gesehen.
Sehr schön! So ohne Rikscha und zum eigenen Amusement.
Fand mich fit, habe aber auch viel geschoben.
Der 1. Mai wäre monetär super gewesen. Hätte ich mich vorher nicht verkühlt. Alle sind gefahren, bis ihnen die Luft ausgegangen ist. Bei mir war sie gleich draußen. Aber als Rikschafahrer verdient man ja nicht nur Geld. Man unterhält sich auch, man wird unterhalten und manchmal lernt man auch was.
Mit einem Arabisch sprechenden, westlich wirkenden Paar stehe ich an der Ecke Christophstraße/Karl-Scharnagel-Ring vor der Ampel. Ein Fotograf fotografiert eines der neuen Bankgebäude. Ich frage ihn, ob es verkauft werden soll. Er sagt: “Das ist für eine Präsentation.” Aha. Ich erzähle meinen Fahrgästen davon, nicht ohne eine gewisse Schadenfreude über die Krise der Banken. Der Araber fragt mich, ob ich die Immobilie kaufen möchte. Gemein.
Ich fahre eine Familie vom Odeonsplatz zum Hauptbahnhof. Die Frau fragt mich, was ich machen würde, wenn jemand mit mir für 10.000 Euro nach Spanien fahren möchte. Auf jeden Fall würde ich erstmal meine Frau anrufen. Aber dann?
Eine richtige Dame aus Istanbul läßt mich von mir durch den Englischen Garten kutschieren. Sie spricht Englisch, sagt aber gerne “tamam” (Türkisch für: okay, einverstanden, schon gut). Sie erzählt mir davon, dass sie Buddhistin ist. Sie erzählt mir davon, dass sie, die Türkin, an alles glaubt. An Mohammed, Jesus, den Gott der Juden, an Christbäume und Osterhasen, gerade die bunten Ostereier hätten es ihr besonders angetan. Sie sagt es nicht ohne Schalk, aber sie meint es ernst. An alles? Tamam!
Wenn ich einen Drei-, Vier-, Fünf- oder Sechstagebart habe, fahren mehr Leute mit, als wenn ich frisch rasiert bin. Außerdem bekomme ich viel mehr Trinkgeld. Seriös muss man trotzdem wirken. Und es muss natürlich so aussehen, dass ich der Dienstleister bin und nicht der Kunde. Sekundäre Dienstleistermerkmale!
Von Rikscha-Mobil haben wir jetzt gesponsorte Fahrradkleidung bekommen, das hilft. Vor allem kann man sich damit zur anderen Seite hin abgrenzen, gegenüber Leuten, die extrem lässig und extrem casual rüberkommen wollen. Dreitagebart, aber mit Dienstleisteruniform, die Lösung eines Dilemmas.
Am Wochende waren sie wieder da: Die Kids im Müll. Sie lagern auf der Wiese neben dem Eisbach, wenn man aus dem Englischen Garten hinausradelt, kurz vor den Surfern rechts. Und wenn sie mit dem Lagern fertig sind, dann sieht es dort aus, als ob “eine Bombe eingeschlagen” hätte, also nicht wirklich so, aber eben wie in einem stark bewohnten Jugendzimmer. Bierflaschen, Flaschen, Papp- und Plastikbecher, Müll und noch mehr Müll.
Sollte das niemand wegräumen, kommt also Mama Stadt nicht mit dem großen Staubsauger, stört es die Kids auch nicht. Wieder lagern sie dort, Müll markiert ihr Revier. Und dann ist es mir gekommen: Menschen markieren ihr Revier mit Müll. Sollte man in tausend Jahren getrennten Müll finden, wird man sagen: Dort haben mal Deutsche gelebt. Und findet man alles durcheinander, sagt man sich: Ach, die Italiener. Alkoholpopsflaschen und Coffee-To-Go-Becher werden als ein Zeichen von Jugendkulturen interpretiert werden – untrüglich, denn die Jugend wird auch in Zukunft als besonders archaisch gelten. Und je länger man darüber nachdenkt, desto klarer erkennt man: Jede Lebensform markiert mit irgendetwas ihr Revier. Rikschafahrer zum Beispiel verlieren gerne die Fahrradschlauchstückchen, die sie brauchen, um die Bremse zu fixieren, damit die Rikscha nicht wegrollt. Letztes Jahr hat diese Gummiringe übrigens ein vor sich hingrantelnder Obdachloser gesammelt und an seinen meines Erachtens viel zu kurzen Gehstock befestigt. Dieses Jahr habe ich ihn noch nicht gesehen.
Gestern habe ich Mario Adorf gefahren - vom Hofgartentor zum Schumann’s.
Am Mittwoch stand ich am Odeonsplatz. Kommt eine junge Frau im Kostüm auf mich zu und erkundigt sich bei mir, wie das so läuft mit dem Rikschafahren.
Ich: ?
Sie: Ich will nicht mehr bei der Bank arbeiten.
Ich: ?
Sie: Ich bin so gerne draußen, bewege mich so gern.
Ich: ?
Sie: Es nützt ja alles nicht, wenn man unglücklich ist.
Ostern war herrlich. Das Wetter, der Frühling, die vielen Touristen - da konnten sich auch Münchens Rikschafahrer mal wieder so richtig ausstrampeln.
Von der Krise, also der globalen Finanzkrise, merkt man soweit noch nichts, fast nichts: Zweimal wurde ich am Karsamstag, während ich langsam Richtung Marienplatz leer zurückradelte, angehalten. Einmal sollte es von der Georgenstraße zum Hotel Vier Jahreszeiten, einmal vom Prinz-Carl-Palais zum Hotel Bayerischer Hof gehen. Beides Mal hielten mich Damen an - einmal in Begleitung der vielleicht zehnjährigen Tochter, einmal in Begleitung des Kindermädchens und des vielleicht vierjährigen Sohnes. Beides Mal hielten mir diese Damen zehn Euro entgegen und behaupteten, das wäre ihr letztes Geld. Beides Mal ließ ich mich auf die Fahrt ein. Beides Mal schlug ich nicht vor, bei einem Geldautomaten anzuhalten. Und beides Mal wurde ich mir ausführlich und äußerst freundlich am Ende der Fahrt gedankt.
Aber was bedeutet das? Ganz offentsichtlich wollen die Ehefrauen finanzkrisengeschüttelter Manager nicht auch noch die ohnehin schon stark gebeutelten Konten noch mehr mit Bargeldabhebungen belasten. Und stattdessen verlegen sie sich auf etwas, was sie in den fetten Jahren in diversen Seminaren gelernt haben, mit dem sie aber bislang nichts anzufangen wussten: Höflichkeit.
Mit anderen Worten: Nicht-monetäre Werte haben Konjunktur.
Toll, oder?
Die Rikschasaison hat wieder angefangen. Und zu den vielen Dingen, an die man sich als Rikschafahrer gewöhnen muss, gehört auch die geballte Menge Menschlichkeit, die sich da vor einem tummelt. Schließlich steht der gute Rikschafahrer nicht irgendwo, sondern da, wo was los ist. Dort liest er dann auch nicht Zeitung, sondern versucht Kontakt aufzunehmen zu den potentiellen Kunden und Mitfahrern. Und dabei beobachtet man unausweichlich die vielen, vielen Einzelnen, von denen sich alle gemäß ihrer seeligmachenden Fasson inszenieren. (Gerade im Frühling sind manche Individualstylisten noch ungeschickt, Extreme (Wintermäntel und Bikinitops) sind verhältnismäßig oft zu beobachten.)
Ich stehe also mit meiner Rikscha im Hofgarten neben dem Weiße-Rose-Denkmal. Unter den Arkaden, die sich von dort bis zur Staatskanzlei hinziehen, knutscht ein Liebespaar. Um das Denkmal herum tigert ein Fototourist und sucht die ideale Perspektive. Irgendwann steht das Liebespaar auf, ein ausnehmend schönes Paar, beide groß, beide tipp-topp gekleidet, die Frau trägt ein buntes, sehr hübsches Minikleid, das ihre makellosen und unglaublich langen Beine perfekt zur Geltung bringt. Auf einmal drängt sich eine Frau im Jeansanzug in die Szenerie: “Soll i dir deine Augen wieder eindruck’n!”, ruft sie. Ich kenne sie nicht. Es ist - so stellt sich raus - die Frau des Fototouristen.
Nach der Wiesn ist vor der Wiesn, doch vor allem nicht während der Wiesn. Die Ausnahmesituation an sich - sprich: Wiesn - ist abgelaufen, und für die meisten Leute, die einsteigen, ist Rikschafahren nicht alltäglich - oder eben keine weitere Attraktion nach Bierzelt, Kettenkarussell und Schichtl.
Und das - das ist sowas von angenehm: Im Reich der Normalität ist der Rikschafahrer wieder wer, ein Glücksritter, besonders!
Dafür ist natürlich wieder die alte Schwellenangst da, oder die Angst gesehen zu werden (”Wenn i da jetz mitfahr, bin i morg’n im Intranet!”). Die Leute fahren einfach nicht mehr so bereitwillig mit, wie nach zwei, drei Wiesnmaß, dass bedeutet: keinen Stress - und wenig Kohle.
Jetzt bin ich bald vier Tage nicht auf der Rikscha gesessen - und irgendwie geht mir was ab. Die ebenso mühsam, wie zahlreich verdienten Euronen flutschen einem durch die Hände, weil man überall ein bisschen großzügiger ist. Man kauft den Kaffee beim Bäcker und geht abends nochmal Pizza essen.
Die Strengen, die Bornierten, die An-sich-Haltenden, die Limitierten, die Inklusiven, die Tabuisierten - all die also, die mit Absicht kein Trinkgeld gegeben haben - auf der Wiesn erlebt zu haben, war vielleicht das schrecklichste. Gehen auf die Wiesn, können sich aber nicht gehen lassen. Gehen zurück oder an sich vorbei, über sich hinweg, völlig unfeierlich, unfestlich schmeißen sie sich weg. Wenn sie sich dann mit der Rikscha ins Hotel oder zum Bahnhof bringen lassen, sind sie eh schon auf dem richtigen Weg.
Am Anfang war die Wiesn noch spannend, dann - zu Beginn der zweiten Woche - wurde es langweilig, dann - Freitag, Samstag - schlimm. Gott sei Dank geht es am dritten Wiesnsonntag wieder bergauf, da kehrt das Volksfestliche zurück. Dazu ein gigantisches Wetter.
Ganz zum Schluß hatte ich einen BWL-Checker und eine giggelnde Dame. Die Dame war sympathisch, er schien bankrös - hatte seine Aktien schon merklich nachgelassen? Immerhin ging sein Handy noch. Trinkgeld hat er keins gegeben. Und als ich ihm 10 Euro in Zwei-Euro-Stücken geben wollte, hat er gesagt: “So an Rammel nehm i ned.” Ich hatte dann doch noch einen Schein und Bock auf eine andere letzte Fahrt: Ein älteres Münchner Ehepaar, dessen Sohn sie auf ihre Kosten in meine Rikscha setzte, vom Kaiser-Ludwig-Platz zum Roy am Sendlinger Tor; sehr nett; der Dame habe ich einen von meinen beiden Aloisii-Schutzengeln geschenkt; der zweite beschützte mich noch auf den Weg in die Rikschagarage.